Verantwortungsloser Mangel an Sensibilität
SVP-Vorstoss erinnert an dunkelste Zeiten
Ich vergleiche die SVP nicht leichtfertig mit den Nazis oder den Faschisten oder den Braunen. Doch leider kommt es in der Bild- und Wortsprache der SVP immer häufiger zu Überschneidungen mit dem braunen Gedankengut. Denken Sie beispielsweise an die Stiefel auf dem SVP-Plakat gegen die "Masseneinwanderung".
Sprachlich besonders krass ist der jüngste Vorstoss der SVP Stadt Zug. Der Titel der Motion "Zur Schaffung Asylanten-freier Zonen in der Stadt Zug" erinnert unweigerlich an das von den Nazis systematisch verwendete Adjektiv "judenfrei". Als "judenfrei" empfahlen sich in Deutschland Hotels und Badeorte antisemitischen Gästen. 1940 wurde das von den Deutschen in Polen eingerichtete "Generalgouvernement", auf dessen Territorium seit Jahrhunderten Hunderttausende von Juden gelebt hatten, als "judenfrei" erklärt. Und so ging es weiter. Die schrecklichen Folgen kennen wir.
Die SVP der Stadt Zug kann nun nicht tun, es sei weit hergeholt, angesichts ihres Begriffs "Asylanten-frei" mit der damaligen Zeit zu kommen. Sie selber erwähnt den Zweiten Weltkrieg in ihrer Motion ausdrücklich, um ihr Wort "Internierungslager" zu erklären – und diese gleichzeitig zu beschönigen.
Ich unterstelle der SVP der Stadt Zug keineswegs, mit den Asylsuchenden gleich oder ähnlich verfahren zu wollen, wie damals mit den Juden und den "Zigeunern" verfahren wurde. Ich werfe ihr aber dreierlei vor: Erstens leidet sie an einem verantwortungslosen Mangel an Sensibilität gegenüber dem Unheil, was die Verbindung einer Menschengruppe mit der Endung "frei" bedeutet. Zweitens wendet die SVP einen höchst belasteten sprachlichen Trick an, indem etwas Negatives (damals Vernichtung, heute Ausgrenzung) mit einem positiven Begriff ("frei") verknüpft wird. Drittens macht die SVP aus einer kleinen Minderheit Sündenböcke für gesellschaftliche Probleme, für die deren Angehörigen in den wenigsten Fällen verantwortlich sind.
Die demokratisch, human, liberal und/oder christlich gesinnten Zugerinnen und Zuger sind herausgefordert, gegen diese Ungeheuerlichkeit der SVP ihre Stimme zu erheben. Das Stadtparlament ist gut beraten, einen Vorstoss mit einer derart unheilvollen Sprache und einem derart unmenschlichen Anliegen zurückzuweisen. An die städtische SVP appelliere ich, ihren völlig jenseitigen Vorstoss wieder zurückzuziehen; von der nationalen SVP fordere ich, dass sie sich davon klar distanziert.
