Das Familienleben muss von den Männern erobert werden

13.07.2011 - Antonio Hodgers

Die Gleichstellung muss auch bei den Männern geschehen

In diesem Jahr, in dem wir das 30-jährige Bestehen des Verfassungsartikels bezüglich der Gleichstellung zwischen Frauen und Männern feiern, sprechen wir oft von der Lohnungleichheit und der Schwierigkeit der Frauen, Posten mit Verantwortung zu besetzen. Meiner Meinung nach haben wir dabei die logische Folge vergessen: die vollumfängliche Eroberung des Familienlebens durch den Mann.


Posten mit Verantwortung bedeuten in der heutigen Arbeitswelt oftmals 12-Stunden-Tage, Flexibilität und eine permanente geistige Verfügbarkeit, die kaum kompatibel ist mit einer täglichen Präsenz in der Familie. Nach der gängigen sozialen Norm sind es immer noch meistens die Frauen, welche ihre Arbeitszeit reduzieren und damit auch ihre Verantwortung und ihren Lohn, um genügend Zeit für Familie und Hausarbeit zu haben. Die Arbeitgeber bevorzugen gleichzeitig die Männer, wenn es darum geht, eine Kaderstelle zu besetzen. Dies ist vor allem der Fall für Personen um die 30. In diesem Alter nehmen Berufskarrieren oft entscheidende Wendungen, während gleichzeitig Familien gegründet werden.


Um diese Situation zu meistern, entstand in den 80er Jahren die Multitaskingfrau oder die Superwoman: Sie ist ehrgeizig, hat ein Berufs- und ein Familienleben. Das Ergebnis: Die Frau arbeitet zwei Mal Vollzeit. Nicht sehr erstrebenswert.


Für die Männer hat sich die Situation dagegen wenig geändert. Sie sehen ihre Prioritäten immer noch in der Arbeitswelt. Es wird vom Arbeitgeber nicht verstanden, wenn der Mann eine Teilzeitstelle oder eine Auszeit fordert, damit er sich um die Kinder kümmern kann. Schon bei den Frauen ist mangelnde Flexibilität oder „Nicht-auf-dem-neuesten-Stand-Sein“ problematisch. Bei den Männern kommt dazu, dass ihnen bei solch einer Bitte mangelnder Ehrgeiz angelastet wird, welcher für Posten mit Verantwortung grundlegend ist.


Wir erreichen die Gleichstellung nur, wenn sich etwas auf der Ebene des Managements von Unternehmen ändert. Es sind deshalb die Männer, welche den Schritt machen müssen in Richtung einer männlichen Emanzipation. Erst wenn die Männer massiv das Recht auf Teilzeitarbeit fordern oder das Recht darauf, um 16 Uhr das Büro zu verlassen; erst wenn sie Nein zu übermässig vielen Überstunden sagen, stellen sie sich gleich im Vergleich zu ihren weiblichen Kolleginnen. Und erst dann werden ihre weiblichen Kolleginnen, die Mutter werden oder werden könnten, in ihrem beruflichen Werdegang weniger diskriminiert.


Bis es aber soweit ist, bis die erste Folge von "Desperate housemen" im Fernsehen zu sehen sein wird und der soziale Wandel vollbracht ist, müssen wir erst einmal damit aufhören, ein berufliches Stachanow-System anzustreben und die Haus- und Betreuungsarbeit gering zu schätzen, welche ebenfalls eine Quelle der Selbstverwirklichung ist. Nur so können sich die sozialen Modelle unabhängig vom Geschlecht entwickeln.
 

3 Kommentare

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Kommentare

Wie lässt sich das Karrieristentum eindämmen?

Ich glaube, Antonio Hodgers bringt es sehr gut auf den Punkt. Gleichstellung kann nicht heissen, dass Frauen einfach das Verhalten der Männer kopieren!
Ich sehe hier ein ganz zentrales Problem: Wie könnte eine Gesellschaft geschaffen werden, in der wichtige Aufgaben an die fähigsten, und nicht an die ehrgeizigsten und rücksichtslosesten Bewerber übertragen würden?
Eine kleine Teilantwort wage ich schon mal vorzuschlagen: Exzessiv hohe Löhne ziehen garantiert nicht die besten, sondern die karrieregeilsten Leute an. Eine Begrenzung der Einkommensdifferenzen wäre schon mal ein Schrittchen in die richtige Richtung!

Daniel Heierli, Zürich
daniel heierli | 07.08.2011

Welche Partei ist für Gleichstellung?

Herr Heierli, für Ihre Meinung gibt es die SP!
Kirchgraber Stefan | 08.08.2011
Die Grünen Schweiz haben aus meiner Erfahrung heraus betrachtet eher eine Gleichstellungslogik eines Frauenvereins, welche Erwachsene zu erziehen versucht und den Mann ignoriert. Eigentlich gehörten diese Leute in die Integrale Partei, dort sind die Leute auch so.
Glücklicherweise kann ich dieses Mal noch die Jungen Grünen meines Kantons wählen, da kommt es mir anders rüber.
Kirchgraber Stefan | 27.08.2011
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