Das wahre Gesicht der Migration

09.02.2011 - Ueli Leuenberger

Migrantinnen und Migranten sind zuallererst Menschen

"Die Fischer sind die ersten, die versuchen, nach Europa zu kommen“, sagt Senyabou Ndoye, Leaderin der senegalesischen Kooperative FENAGIE, die wir im Vorfeld des Weltsozialforums kennengelernt haben. Die Kooperative versucht, die Lebensbedingungen der Fischer und der Fischverarbeiterinnen zu verbessern, mit Unterstützung von Fastenopfer. Die Überfischung der Meere hat dazu geführt, dass die Ausbeute immer magerer wurde. „Unsere Kinder wollen auswandern. Wir sind ohnmächtig diesem Phänomen gegenüber“, sagt Senyabou Ndoye mit brüchiger Stimme. „Auch wir mussten unsere Piroge trocken legen, weil fast alle unsere Kinder gegangen sind.“

 
Wer in der Schweizer Migrationspolitik zunehmend verunglimpft und nur noch als potenzieller Krimineller angesehen wird, bekommt hier in Senegal ein Gesicht. Hier, von wo viele aufbrechen auf eine lange, lebensgefährliche Reise unter menschenunwürdigen Bedingungen, um ein Leben zu finden, das mehr Auskommen bietet, um den Zurückgebliebenen Ausbildung und Gesundheitsversorgung ermöglichen zu können. Sie scheitern dabei oft schon während der Reise.

 
Diese Menschen, die mich hier überwältigen mit ihrer Gastfreundschaft und ihrer Freundlichkeit, haben in der Schweiz keine Chance, regulär zu arbeiten. Sie lernen weder Gastfreundschaft kennen noch werden sie willkommen geheissen wie ich hier in den senegalesischen Dörfern.


Die FENAGIE konnte die Auswanderung glücklicherweise bremsen, trotz immer weniger Ausbeute beim Fischfang. Sie hat Öfen gebaut, in welchen die Fische geräuchert und anschliessen gesalzen werden, damit sie länger haltbar und besser vermarktbar sind.

 
Wollen wir global denken, müssen wir all dies im Auge behalten: die Schweizer Migrationspolitik, die Schweizer Entwicklungszusammenarbeit, die Lebensbedingungen in Senegal, die lokale Produktion und die globalen Märkte sowie die internationalen Fischereiabkommen. Einseitig an einem Punkt anzusetzen, genügt nicht. Für mich persönlich bedeutet dies, mich weiterhin für eine menschliche Migrationspolitik sowie für die Erhöhung der Entwicklungszusammenarbeit auf mindestens 0.7 Prozent des Bruttoinlandproduktes einzusetzen.

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Kirchgraber Stefan | 02.04.2011
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